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Kostbarer Augenblick

Eine Besinnung für die aktuelle Woche von Pfr. Oliver Langer

Ist Ihnen am obigen Foto etwas aufgefallen? Richtig, die Pankratiuskirche ist gerade ohne Kirchenuhr. Nach rund 50 Jahren in luftiger Höhe wurden die Zifferblätter aus allen vier Himmelrichtungen abgenommen und sollen auf Vordermann gebracht werden. Wind und Wetter haben ihnen zugesetzt, feine Sandkörnchen haben am Lack geschmirgelt. An etlichen Stellen findet sich Rost. Die Gewichte an den Zeigern drohen sich zu lösen.

Wenn man in der Ortsmitte von Möglingen unterwegs ist und auf den Kirchturm schaut, sieht er nun merkwürdig „nackt“ aus.  Wenn die Uhr reden könnte, hätte sie wohl vor ihrem Abschied gesagt „Ich bin dann mal weg…“. Wir wollen es ihr gönnen. Auch eine Uhr muss mal in Reha.

Aber sind wir jetzt in Möglingen zeit-los? Keineswegs. Viele Aufgaben und Herausforderungen warten auf uns. Wobei so ein bisschen die Zeit-los-zu-haben, wünschen wir uns manchmal mitten im Alltag.  Ohne den ständigen Blick auf die Armbanduhr mal dieses oder jenes ohne Zeitbegrenzung machen zu können. Ein Manager sagte mir mal „Urlaub ist für mich dann, wenn ich nicht mehr auf die Armbanduhr schauen muss und kein Telefon mehr läutet.“

In der jetzigen Corona-Zeit erleben wir viele Zeitungleichheiten. Die einen haben zu viel Zeit und wissen gar nichts mehr mit ihr anzufangen und den anderen geht die Zeit aus. Gestern sagte mir eine Friseurin, sie arbeite jetzt von 8 bis 8 (20.00) Uhr, auch am „freien“ Montag, um die vielen Kundenanfragen abarbeiten zu können. So schnell hat uns die Zeit, der Terminkalender wieder.

Was ich mir wünsche: Egal wie schnell oder wie langsam nun alles wieder „hochgefahren“ wird – erhalten wir uns den Blick für den kostbaren Augenblick. Es gibt Augenblicke der Begegnung, der Wahrnehmung, des Erlebens, denen es lohnt nachzugehen. Sie können wichtiger sein als ein halber Tag Arbeit. Es kann eine feine Beobachtung sein, eine Intuition, eine Anrührung Gottes, die uns die Arbeit unterbrechen lässt um aufzuhorchen, weil jemand beiläufig etwas gesagt hat, hinter dem viel mehr steht: eine Sehnsucht, quälende Sorgen oder auch eine große Dankbarkeit…

Das menschliche Leben ist viel zu schade um es im Hamsterrad zu verbringen, deshalb erinnert uns im Alten Testament ein Prediger daran, dass es eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz… gibt (Prediger 3,4). Und manchmal möchte sogar Gott mit uns sprechen. Werden wir dann Zeit für ihn haben, für diesen kostbaren Augenblick?

Es grüßt Sie herzlich        Pfr. Oliver Langer